Keimfreiheit: eine Täuschung


In der modernen Welt hören wir allerorts, dass wir unsere Wäsche mit Mitteln behandeln sollen, die 99,9% aller Bakterien und Keime abtöten, unsere Hände keimfrei halten sollen, mit Mitteln die Desinfizieren. Unser Zuhause soll absolut keimfrei sein.

Das ist ein absoluter Trugschluss, wenn jemand ein Leben ohne Bakterien führen möchte, dann begibt er sich in den Kampf gegen Windmühlen, den schon Don Quijote vergeblich führte.

Wenn wir Augen wie Mikroskope hätten und unsere Umwelt und unseren Körper durch diese Augen sehen könnten, sähen wir überall und immer ein eifriges Treiben wie zur rush hour mitten in China oder Japan. Unzählige Bakterien tummeln sich überall, verwendet man ein beliebiges Desinfektionsmittel, so ist für eine sehr kurze Zeit dem Treiben ein Ende gesetzt aber schon eine sehr kleine Zeitspanne später sind die Flächen wieder reichlich besiedelt.

Allein in der Luft, die wir atmen, sind laut einer Studie von Forschern in den USA, die in der renommierten wissenschaftlichen Zeitschrift Scientific American berichtet wurde, etwa 2.000 Arten von Bakterien vorhanden. Dies haben sie mit einer genetischen Methode ermittelt, indem sie Luftproben aus verschiedenen Städten in den USA getestet haben. Sie haben die Bakterien in Kulturen im Labor wachsen lassen und anschließend nach einem Gen gesucht, das zuständig für die Synthese eines gewissen Proteins (16S) ist, so konnten die Wissenschaftler zwischen den Arten von Bakterien unterscheiden.
Dieser Studie zufolge, sei die Anzahl von Bakterien in der Luft mit der Anzahl von Bakterien im Erdboden vergleichbar.
Diese Anzahl ist jedoch von Jahreszeiten und Wetterbedingungen abhängig.

Die deutsche Webseite www.wissenschaft.de berichtet über weitere Forschungsergebnisse in weiteren Städten der USA. So haben diese Wissenschaftler entdeckt, dass Bakterien in der Luft, aus dem Erdboden, von Pflanzen oder Hundekot stammen.
Es wurde auch gemessen, dass die Gesamtzahl dieser Bakterien etwa 10.000 Bakterien pro Kubikmeter beträgt.




Weniger als 1% aller bekannten Bakterien sind pathogen

Die Mehrheit dieser Bakterien ist gesundheitlich ungefährlich, obwohl auch eine Minderheit von pathogenen (Krankheiten verursachend) Bakterien vorhanden ist. Das Immunsystem unseres Körpers hat nichtsdestotrotz die Fähigkeit uns gegen diese Bakterienarten zu schützen, da wir ihnen stets und ständig ausgesetzt sind.
Es gibt allerdings keinen Grund zur Beunruhigung wegen dieser Bakterien in der Luft. Bakterien sind überall in der Umwelt zu finden, bis in die obersten Schichten der Atmosphäre und bis in die Tiefen der Ozeane und auch in unseren Körpern, und viele, sogar die Mehrzahl, sind eigentlich Freunde unserer Gesundheit!

Etwa Zehn Milliarden Zellen machen den menschlichen Körper aus. In der Tat gibt es zehn Mal so viele Bakterien im Körper, die die Haut, Atemwege, Mund und den Darm bewohnen.



Die Anzahl von Bakterien im Körper ist so groß, dass wir genetisch mehr DNS
von Bakterien als vom Menschen haben!


Etwa 1.000 verschiedene Arten von Bakterien leben in und auf dem Körper. Blut, Lymphe und innere Organe sind keimfrei.
Alleine auf der Haut gibt es 1 Millionen Bakterien pro Quadrat- Zentimeter.
Die Haut ist alles andere als steril.
Nicht einmal die stärksten Desinfektionsmittel können all diese Bakterien entfernen. Die Hautflora enthält Bakterienarten wie Staphylokokken, Propionibakterien, Bazillus, Streptokokken, Corynebakterien, Neisseria und Pseudomonas. Diese Bakterien stellen für eine gesunde Haut kein Problem dar. Nur wenn die Haut verletzt wird, können manche dieser Bakterien ein Problem verursachen. Im Normalfall  erzeugen die Bakterien Antibiotika und andere Produkte, um diese Probleme zu vermeiden.



20 Milliarden Bakterien- alleine in unserem Mund
Im Mund sind 500 bis 650 Arten von Bakterien nachgewiesen worden. Die Gesamtzahl dieser Bakterien ist auf 20 Milliarden geschätzt worden. Die Mehrheit leben auf den Zähnen, dem Zahnfleisch, der Zunge und auch in den Schleimhäuten.
Nach dem Einnehmen einer Mahlzeit übernehmen die Bakterien die ersten Verdauungsvorgänge. So trägt eine gesunde Mundflora auch zu einem positiven Ablauf der menschlichen Verdauung bei. Sie unterstützen auch das Immunsystem und beeinflussen darüber hinaus den Stoffwechsel.
Sie schützen auch den Darm, Haut und Schleimhäute von Krankheitserregern. Manche dieser Bakterien stellen jedoch ein Problem dar, aber sie sind stark in der Minderheit. Sie können Karies oder Mundgeruch verursachen. Aber größere Probleme gibt es nicht, in normalen Fällen.

 

Haben Sie sich jemals gefragt, wie viele Bakterien
bei einem Kuss übertragen werden?



Eine Studie an der Universität Amsterdam hat herausgefunden, dass bei einem Kuss 80 Millionen Bakterien übertragen werden.
Die gute und romantische Nachricht ist, dass wenn Paare mindestens neun zehnsekündige Küsse pro Tag austauschen, gleichen sich die Zusammensetzungen ihrer Mundflora aus.


Nur sehr wenige Bakterien können im Magen überleben. Das Milieu im Magen ist sehr stark sauer, mit einem pH-Wert von ca.. 1,8-2. Der Magen stellt daher einen Schutz gegen die Mehrheit der Keime dar.
Das Bakterium Helicobacter pylori, wie vermutet wird, welches zuständig für Magengeschwüre ist, kann jedoch im Magen überleben, indem es ein Enzym abscheidet, das die Säure im Magen neutralisiert.

Nahezu unzählige Bakterien bewohnen den Darm, wo sie die Darmflora ausmachen. Diese Bakterien sind unentbehrlich für die Verdauung, die ohne sie nicht stattfinden könnte. Ein Leben ohne diese Bakterien wäre schlicht nicht möglich.


Sie unterstützen ebenso die Abwehrkraft gegen schlechte Keime. Wenn die Darmflora beschädigt wird, dann wird man krank. Die Anzahl dieser Bakterien beträgt ungefähr 10 bis 100 Milliarden und 200 bis 300 Arten und 1800 Gattungen.

Die Darmflora enthält Bakterien wie Escherichia coli, Clostridium, Enterokokken, und Bacteroides. Die Darmflora erledigt eine Vielfalt von wesentlichen metabolischen Reaktionen. So werden Produkte erzeugt, wie die Vitamine B12 und K, die unentbehrlich für die Gesundheit sind.


Steroide, die in der Leber erzeugt werden, werden im Darm von der Darmflora modifiziert, damit sie aus dem Darm aufgenommen werden können. Nahrungsmittel werden auch im Darm von diesen Bakterien fermentiert, was einen wesentlichen Teil der Verdauung ausmacht.



Wie wichtig sind diese Bakterien, für das Leben?

Experimente mit Meerschweinchen haben gezeigt, dass diese, wenn sie nicht den Bakterien ausgesetzt werden, kleiner wachsen als normal, sie entwickeln eine schlechte Haarfarbe und zeigen Symptome von Vitaminmangel, im Vergleich mit Tieren, die unter normalen Bedingungen, also mit normalen Bakterien, wachsen.

 

Wir sollten uns daher nicht in die Irre führen lassen, dass ein Leben ohne Bakterien überhaupt möglich oder unbedingt gesund ist!



Keimfreiheit im Trinkwasser?
Bei der Trinkwasseraufbereitung wird die Anwesenheit von Mikroorganismen geprüft. Ein Glas Leitungswasser enthält Millionen von Mikroben, trotz der Desinfektion mit Chlor.

Es ist unmöglich das Trinkwasser auf alle möglichen biologischen Verunreinigungen zu untersuchen. Deswegen werden nur einige charakteristische Bakterien getestet, die ein Indikator von Verunreinigung mit Fäkalien darstellen, die sogenannten Coliforme Bakterien, wie z.B. Escherichia Coli (wie oben erwähnt, die Bakterie E. Coli ist ein üblicher Bewohner des Darms und so ist es in der Regel harmlos) und andere Bakterien, die nicht als Coliform eingestuft werden, wie Enterokokken. Die Trinkwasserverordnung schreibt für diese Bakterien, in 100ml den Grenzwert von 0 vor. Es wird davon ausgegangen, dass wenn diese Bakterien nicht anwesend sind, das Wasser frei von Verunreinigungen mit Fäkalien ist.

Um zu prüfen ob andere Arten von Keimen im Trinkwasser anwesend sind, wird die sogenannte Keimzahl (auch Koloniebildende Einheiten (KBE) genannt) gemessen.
So wird die mikrobiologische Belastung ermittelt. Diese Zahl ist einfach die Anzahl von Kolonien die in getestetem Wasser wachsen.
Dabei wird nicht unterschieden, welche Arten von Bakterien dabei sind.

Die Trinkwasserverordnung legt den Grenzwert der Keimzahl bei 22°C und 36°C jeweils bei 100 KBE je Milliliter Wasser fest. Laut Wikipedia ist die Keimzahl eine Summe, der vorhandenen und in der Regel harmlosen Bakterien und Pilze, wie z.B. Legionellen. Legionellen sind für gesunde Menschen ungefährlich. Die gesamte Anzahl aller, also auch der unbekannten Keime, werden in dieser Keimzahl zusammengefasst und sind angeblich ein Zeichen von hygienischem Mangel.

In der Tat sind diese Bakterien und Pilze unbedenklich. Wie wir oben besprochen haben, ist die Umwelt (nicht nur Wasser, sondern auch Luft, unsere Körper, etc.) von allen Arten von Keimen besiedelt, die kein Risiko für unsere Gesundheit darstellen. Dazu kommt, dass die Keime im Wasser eigentlich gute Keime sein mögen, die dabei helfen das Trinkwasser zu reinigen. Dementsprechend sollten wir uns keine Sorgen machen, wenn die Grenzwerte für die Keimzahlen überschritten werden.
Das wichtigste ist dass die Coliformen Bakterien und Enterokokken nicht dabei sind. Natürlich möchten wir, so wenige Keime wie möglich einnehmen, wenn wir Wasser trinken. Ein Wasserfilter könnte dabei helfen, aber möglicherweise werden auch in diesem Fall nicht alle Keime herausgefiltert.








Quellen


https://www.scientificamerican.com/article/microbe-census-reveals-ai/
https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/es-liegt-was-in-der-luft/
https://www.rdhmag.com/articles/print/volume-29/issue-7/columns/the-landers-file/oral-bacteria-how-many-how-fast.html
https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/wie-viele-bakterien-uebertraegt-ein-kuss/
https://de.wikipedia.org/wiki/Darmflora


Anne Maczulak, Allies and Enemies, How the World Depends on Bacteria, FT Press (2011).
Michael T. Madigan und John M. Martinko, Biology of Microorganisms, Pearson Education (2006).





 
 
 

 

 

 

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